Schlangen
Es sind wohl die Schlangen, die unter allen Wirbeltieren die zwiespältigsten Gefühle beim Menschen hervorrufen. In Märchen und Sagen verkörpert die Schlange das Böse, und auch einem Beobachter einer kriechenden Schlange bleibt oft der Fortbewegungsmechanismus dieser gliedmaßenlosen Kreatur unheimlich und bedrohend. Wo viel Abneigung ist, ist jedoch auch Zuwendung. So ist ein nicht verwunderlich, dass sich die unheilbringende Schlange zum heilenden Symbol der ärztlichen Kunst fortentwickelte und dass es unter den Reptilienfreunden mindestens so viele begeisterte Liebhaber der Schlangen gibt wie abweisende Gegner.
Wir kennen heute ca. 3000 Arten von Schlangen. Die kleinsten von etwa 10cm Gesamtläge finden wir bei den Typhlopidae und Leptotyphlopidae, den Blind- und Wurmschlangen, während bei den Boidae, den Riesenschlangen, der Python reticulatus, der Netzpython, und Eunectes murinus, der Anakonda, Längen von 9 Meter erreicht werden. Die ins Auge springenden äußerlichen Merkmale der Schlangen sind das Fehlen von Gliedmaßen und der langgestreckte mit Schuppen bedeckte Körper, ohne Differenzierung der unterscheidbaren Körperabschnitte. Bei keiner Schlange finden sich äußere Ohröffnungen oder bewegliche Augenlider. Die Letzteren sind zusammengewachsen und bilden ein durchsichtiges Fenster, die sogenannte Brille. Erstaunlich ist es, dass diese gliedmaßenlosen Tiere sich über einen so langen Zeitraum behaupten konnten, da sie sich ja nur von lebender tierischer Beute, wie Säugetieren, Vögeln, Fischen, usw. ernähren, und diese teilweise ja recht schnelle Beute erst gefangen werden muss. Ihre Fußlosigkeit aber haben die Schlangen erfolgreich durch eine große Beweglichkeit, die aus der Vielzahl der Wirbeln resultiert, sowie durch entsprechend ausgebildete Sinnesorgane und eine spezielle Anpassung des Kopfskelettes ausgeglichen. Keine Schlange besitzt einen Schultergürtel oder Reste davon. Dagegen finden wir bei den Boiden, den Riesenschlangen, sowie bei einigen wenigen anderen kleinen Gruppen, den Typhlopidae, den Leptotyphlopidae und den Aniliidae Reste des Beckengürtels, die sogar teilweise mehr oder weniger nach außen in Form einer kleinen, aktiv beweglichen Kralle, dem Aftersporn, in Erscheinung treten. Für die Fortbewegung sind diese Krallen jedoch ohne jede Bedeutung. Im allgemeinen sind sie bei den männlichen Tieren länger als bei den Weibchen. Eine besondere Bedeutung kommt ihnen bei der Paarung zu. Wenn man einmal eine solche Beobachten konnte, musste man den Schluß ziehen, dass diese Krallen der männlichen Schlange zur Stimulierung und zum Festhalten des weiblichen Tieres doch recht gute Dienste leisten. Schlangen sind ektotherme, d.h. wechselwarme Tiere. Sie erzeugen keine eigene Körperwärme und nehmen deshalb weitgehend die Temperatur ihrer unmittelbaren Umgebung an. Aus diesem Grunde sind sie, im Gegensatz zu Warmblütern, auf fremde Wärmequellen, wie z.B. die Sonne angewiesen. In für die Tiere ungünstigen Jahreszeiten wie Winter- oder Trockenperioden halten sie deshalb in geeigneten Verstecken eine Winterruhe oder einen sogenannten Sommerschlaf ab. Da sie ihre Nahrung nicht zur Aufrechterhaltung einer bestimmten Körpertemperatur brauchen, kommen sie beträchtliche Zeit ohne Nahrung aus. Ein Python im Zoo in Frankfurt hungerte z.B. 17 Monate, eine Puffotter im Aquarium Berlin 30 Monate. Den Rekord hält wohl eine von Dumeril erwähnte Madagaskarboa mit einem Hungerstreik von 49 Monaten. Das Skelett der Schlange besteht eigentlich nur aus dem Schädel, der Wirbelsäule und einer Vielzahl von Wirbeln. Mit Ausnahme des Schwanzes, des Atlas, des ersten Wirbels und oft auch des zweiten sind an allen anderen Wirbeln bewegliche Rippen angelenkt, die an ihrem Ende durch Muskeln mit den Ventralia, den Bauchschienen, verbunden sind. Die Anzahl der Wirbel kann zwischen rund 160 und 450 schwanken. Schlangen leben ausschließlich von tierischer Nahrung, die unzerkleinert und unzerkaut verschlungen wird.